Interview mit einem, der in den Pfarrplanprozess ging


Ein Interview mit einem, der in den Pfarrplanprozess ging.

Das Interview mit Thomas Binder führte Corinna Schubert.

 


thomas-binderLieber Thomas, Du hast die Begleitung einer Pfarrplanrunde in Deiner letzten Gemeinde Miedelsbach hinter Dir. Was würdest Du wieder so machen?

  1. Sehr frühzeitig – oder auf neudeutsch: proaktiv – tätig werden.

Wer nicht versucht, die Initiative zu ergreifen und zu gestalten, der kommt unter die Räder und muss
dann nur noch trösten, Wunden verbinden, Scherben zusammenkehren und den Abbau schönreden. Wir haben positive Erfahrungen damit gemacht, dass wir mehr als 1 1/2 Jahre vor Umsetzung des Pfarrplans begonnen haben, um die wichtigsten Knackpunkte in den Blick zu nehmen und lange genug in den verantwortlichen Gremien zu diskutieren. Bei uns war das v.a. die Frage des Gottesdienstplanes.

  1. Sehr frühzeitig Hilfe von außen dazu nehmen. 

Ein neutraler Moderator (der muss überhaupt keine Innensicht oder gar binnenkirchliche Erfahrung mitbringen, der muss sein Handwerk gut machen) hat uns bei wichtigen Workshops und Zukunftskonferenzen der beteiligten Gemeinden nicht nur begleitet, sondern war immer auch ein hinterfragender Gesprächspartner.

  1. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende

Frühzeitig die Karten auf den Tisch legen. Was geht noch? Was ist noch möglich? Ressourcenfrage stellen, nicht nur im Blick auf die Hauptamtlichen, sondern erst recht im Blick auf die Ehrenamtlichen. „Deshalb wird eine der Zukunftsfragen für Kirche sein: Wie denken wir das, was wir tun, konsequent von den Menschen her, die sich engagieren wollen und können, und von den Ressourcen her, die wir haben?“ (Hartmann/Knieling, Gemeinde neu denken, S.11)

  1. Inhaltliche Arbeit nicht vernachlässigen

In einem unserer Kirchengemeinderäte haben wir ganz bewusst während des Pfarrplanprozesses das Buch „Gemeinde neu denken“ durchgearbeitet, einen Workshop für unsere Mitarbeitenden zu diesem Thema veranstaltet…

  1. Beten tut not

Es gab auch vor dem Pfarrplanprozess Gebetskreise, aber in dieser Zeit hat es einfach gutgetan, zu wissen, dass man mit all den Fragen, Zweifeln, dem Frust und vielem anderen einen Ort hat, an den man kommen kann. Und nicht jeder muss sich direkt in den Pfarrplanprozess einbringen, Beter sind mindestens so wichtig.

  1. Gemeinsame Zukunftsprojekte angehen, um den Zusammenhalt zu fördern

 

Und was würdest du anders machen?

  1. Konsequent nach dem Unaufgebbaren fragen und um der Zukunft willen auch Liebgewordenes aufgeben.

Wir sind auf einem zu hohen Level eingestiegen und haben dann gemerkt, dass wir das auf die Dauer nicht leisten können. Das macht uns kaputt und am Ende unsere Gemeinden auch.
Wenn die Ressourcen nicht gleichbleiben, geschweige denn wachsen, dann kann unser
Aufgabenfeld samt Leistungskatalog nicht gleichbleiben. Deshalb halte ich es für sehr wichtig, im Sinne von Michael Herbst nach den 5 Dingen zu fragen, die für uns als Gemeinde unaufgebbar sind. Und von dort aus und von den gesetzten Prioritäten her entscheiden, was dann aufgebbar ist.

  1. Früher die Strukturfragen stellen, auch wenn sie erst später gelöst werden können und sich manches erst entwickeln muss.

Von heute auf morgen hatten wir ein altes Pfarrhaus am Hals, das mit ein Grund war, an diesem Ort die Pfarrstelle zu streichen. Das zieht Folgen nach sich: Was tun, mit dem fast leerstehenden Gebäude? Wohin mit dem Gemeindebüro? Wo gibt es eine Daueranlaufstelle (Büro etc.) für den vagabundierenden Pfarrer/die Pfarrerin? Auch sollten Zuordnungen distriktsweit durchdacht werden: Wir waren nach dem Pfarrplan auf einmal in zwei verschiedenen Diakoniestationen mit allen Verantwortlichkeiten, Ausschüssen etc. Das könnte man im Vorfeld schon klären. Pfarrpläne müssen auch auf diese Frage hin durchdacht werden. Je früher diese Fragen angegangen werden, umso leichter wird dann der Alltag nach der Umsetzung, der schon schwer genug ist. Aber wenn einem diese Strukturfragen auch noch nachhängen…

  1. Noch mehr den kollegialen Austausch suchen.

Wir zwei vom Pfarrplan betroffenen Kollegen haben sehr schnell zu einem guten und vertrauensvollen Miteinander gefunden (trotz unterschiedlicher kirchenpolitischer Positionierung). Aber es hätte noch mehr Zeit gebraucht, vor allem kreative Zeiten, in denen man etwas entwickeln kann. Dafür war weder Zeit noch Kraft da.

PfarrplanWelche Wünsche für einen Pfarrplanprozess hast Du, welche Erfordernisse siehst Du?

  1. Zeit für die betroffenen Kolleginnen und Kollegen

Zum Beispiel könnte ein Springer für 1 Jahr den Reliunterricht übernehmen, damit die Kollegen Zeit für die unbedingt notwendige kreative Arbeit haben, um den Pfarrplanprozess gestalten zu können.

  1. Frühzeitig meldet sich Dekan/OKR: Was können wir für Sie tun? Was brauchen Sie bis wann?

Dafür müsste im OKR ein Lastenheft geführt werden: Was muss bis wann wo funktionieren?
Und vor allem: wer ist dafür verantwortlich: Zugriffe, Mailaccounts…

  1. Plattform/Forum oder etwas ähnliches für betroffene Gemeinden

  1. Thinktank

Es wäre toll, einen Thinktank zu haben, in dem kreative Entwürfe für die aktuellen strukturellen Herausforderungen und neue Formen von Gemeindeleitung und Gemeindeformen entwickelt und erprobt werden. Ich würde mich freuen, wenn das churchconvention-Netzwerk an diesem Thema weiter dranbleibt.
 

Und zuletzt: Du hast mit Deinen Mitarbeitenden das Buch „Gemeinde neu denken“ durchgearbeitet. Ist es empfehlenswert?

Mit Ausnahme von Michael Herbst gibt es nur wenige Theologen im Bereich Wissenschaft, Forschung, Aus- und Weiterbildung, die ehrlich und konsequent in den Abgrund kirchlicher Strukturmaßnahmen schauen. Ehrlich heißt: die Probleme auch beim Namen zu nennen. „Fröhlich kleiner werden“ halte ich schon fast für eine Ohrfeige für vom Pfarrplan betroffene Gemeinden. Ehrlich heißt: von Unsicherheiten, Dilemmata und Paradoxien offen zu reden. Ja, all das befällt einen in solchen Prozessen. gemeinde-neu-denkenEine große Hilfe ist die Landkarte von Dave Snowden, vier Felder mit verschiedenen Kategorien von Herausforderungen und Problemen
Das sieht dann auf den ersten Blick so einleuchtend und einfach aus, dass man auch selbst hätte darauf kommen können. Ist man aber nicht. Aber es hilft, wenn man mit Hilfe dieser Landkarte auf einmal Augen dafür bekommt, warum die bisherigen Problemlösungen kaum mehr Probleme lösen, sondern weithin frustrierte Menschen zurücklassen.
Knieling und Hartmann benennen ebenso konsequent die Strukturellen Überdehnungen, die solche Pfarrplanprozesse nach sich ziehen. Und sie benennen den entscheidenden Punkt: man kann Veränderungen nicht nur strukturell angehen, es braucht eine geistliche Perspektive und eine theologische Durchdringung der Reformprozesse. Und das ist etwas ganz anderes als das Paradigma der flächendeckenden Versorgung. Anhand von Saat- und Wachstumsgleichnissen des NT führen die Autoren die Leser auf die Spur einer geistlichen Perspektive: „Mit den Gleichnissen lockt Jesus in die Aufmerksamkeit für das, was Gott in dieser Welt wachsen lässt.“ (S. 77) Und das trotz unzähliger Reformprozesse. Und die Autoren machen Mut, mit wachsender Gelassenheit, Gottes Zukunft zu vertrauen, weil „Gottes Sein ist im Kommen, nicht im Werden.“ (S. 81) Dabei deuten sie kirchliche Krisenerfahrungen als eine geistliche Herausforderung – deshalb heißt ja auch der Untertitel passend: „Geistliche Orientierung in wachsender Komplexität.“
Eine eindeutige Buchempfehlung!
 

Vielen Dank für Deine Einladung, für Deine persönlichen Einblicke und das Teilen von Gelungenem und nicht so Gelungenem!

 


 

Da uns in Württemberg noch Pfarrplanrunden bevorstehen und einige von uns davon betroffen sind oder in Gemeinden kommen, die gerade eine Runde hinter sich haben, wollen wir an diesem Thema dranbleiben. Wir würden uns freuen, wenn diejenigen, für die es aktuell auch ein Thema ist, dies einfach mal unverbindlich signalisieren. Dann könnten wir überlegen, was für uns als nächstes dran sein könnte.

Thomas Binder (thomas.binder@elkw.de)

Corinna Schubert (corinna.schubert@churchconvention.de)

 

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